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Nietzsches virtuelle Wanderungen
im Sprachzeitraum
des Gefährlichen Vielleicht
Abschnitt 1: Wahrheit als eine Armee
von Metaphern
Ich möchte diesen Text mit einer Frage
beginnen, die sich Nietzsche selbst nicht aufgehört hat, wieder und
wieder zu fragen. Die anscheinend einfache Frage: "Was ist Wahrheit?"
Ausgehend von einer seiner frühen Schriften, "Über Wahrheit
und Lüge im außermoralischen Sinne" (ca. 1873), werde
ich zu einer seiner letzten Schriften überspringen, zur "Genealogie
der Moral" (1887), um die Frage nach Sinn, Wert und Bedeutung von
Wahrheiten von diesem Spätwerk her zu wiederholen. Zwischendurch
werde ich in Abschnitt zwei einen Abstecher zu Kant machen und einen Seitenblick
auf seine "Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher
Absicht" werfen. Dieser "Umweg"(1) soll uns einen Einblick in den
virtuellen Charakter der Geschicke einer bürgerlichen Weltvorstellung
geben.
"Virtual Reality", darunter verstehe ich in diesem Text
nicht nur ein Informations- und Handelsnetz, das sich derzeit weltumspannend
auf unserer Erde ausbreitet und einrichtet, sondern zunächst das
immanente Seinsverständnis einer bürgerlich-technologischen
Weltinterpretation, die sich seit über zwei Jahrhunderten anzukündigen
beginnt und derzeit global entfaltet und einrichtet.
Martin Heidegger hat der immanenten Struktur dieses weltumspannenden Netzwerks
einer technologisch orientierten Weltanschauung mit bürgerlichen
Absichten den vortrefflichen Namen "Gestell" gegeben. Als Bewohner des
Global Village so lautet zumindest die These meiner Rede ,
als Bewohner des Global Village werden wir derzeit alle von den maß-geblichen
Mächten unserer Weltgeschichte so vorgestellt, als ob wir
a priori An-gestellte der virtuellen Realität des "Gestells"
wären.
Um diese, meine These, in ihrer Herkunft und genealogischen Konsistenz
begründen zu können, müssen wir uns jedoch zunächst
von unserem herkömmlichen Wahrheitsverständnis lösen und
von Nietzsche lernen, was es heißt, dass sich Wahrheit als virtuelle
Realität metaphorischer Sprachspiele ereignet.
Kommen wir also zurück auf Nietzsches
Text und lassen wir uns von einem seiner Frühwerke sagen, was er
uns selbst über Wahrheit und Lüge im außermoralischen
Sinne zu sagen hat. "... Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von
Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen kurz eine Summe von menschlichen
Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen,
geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauche einem Volke fest,
canonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen,
von denen man vergessen hat, dass sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt
und sinnlich kraftlos geworden sind,..."(2)
Nietzsche gibt an dieser Stelle eine klare Antwort auf die Frage, wie
er selbst in der Frühe seines Schaffens Wahrheit denkt. Diese Nebenbemerkung
ist für jede Nietzscheinterpretation nicht unwesentlich, bedeutet
sie doch, dass Nietzsche anscheinend keineswegs vor hat, jedes mögliche
Konzept von Wahrheit aufzugeben, oder alle möglichen Konzepte von
"Wahrheit" in einer Art nihilistischen Gleich-Gültigkeit
zu nivellieren. Ganz im Gegenteil. Bei dieser Fragestellung ist Nietzsche
schon früh das Lachen vergangen und der ganze Ernst einer entscheidenden
Aufgabe überkommen, die, so heißt es dann in seinen Spätwerken,
bisher von den Philosophen einfach übersprungen und übersehen
wurde.
Eine Antwort auf die Fragestellung "Was ist also Wahrheit?", eine
solche Antwort kann, darf und soll für Nietzsche folglich weder ausbleiben,
noch ist sie gleich-gültig ; ...wird in ihrer Beantwortung
doch über die Zukunft von Lüge und Wahrheit im moralischen bzw.
außermoralischen Sinne entschieden werden.
In Hinsicht auf die Philosophiegeschichte
des 20. Jahrhunderts dürfen wir demnach wohl anachronistisch rückblickend
behaupten, dass Nietzsche in diesem frühen Text beginnt, unser
gängiges Wahrheitsverständnis unter Anführungszeichen
zu setzen und zu de-konstruieren. Aber er dekonstruiert das herkömmliche
Wahrheitskonzept eben gerade nicht um der "reinen" Dekonstruktion willen,
sondern um jenes anderen Wahrheitsverständnisses willen, das
sich in diesem Text konstruktiv anzukündigen beginnt und zur Sprache
drängt: jenes von Nietzsche privilegierte Wahrheitskonzept,
das von nun an unter "Wahrheit" ein bewegliches Heer
von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen versteht.
Damit wird dem alten Wort Wahrheit diesem anscheinend ungeschichtlichen
Signifikanten , eine neue Richtung, ein neues Verständnis,
ein neuer Sinn gegeben. Auf die "Dekonstruktion" des
herkömmlichen Wahrheitsverständnisses folgt also prompt die
Konstruktion eines neuartigen, andersartigen Wahrheitskonzepts.
Das gängige Wahrheitsverständnis wird in ein neues Wahrheitskonzept
über-tragen und das alte schließlich durch das neue ersetzt.
Über-tragen heißt griechisch meta-pherein. Eine übertragene
Bedeutung eines "ursprünglichen" Sinns in einen davon "abgeleiteten"
wird da-her auch heute noch im Deutschen als Metapher bezeichnet.
Warum privilegiert Nietzsche nun aber dieses
neue, metaphorische Konzept von Wahrheit gegenüber dem herkömmlichen
Wahrheitsverständnis? Warum ist diese neue Perspektive "wahrer" als
die "alte"?(3)
Wollen wir von diesem neuen Wahrheitskonzept etwas verstehen,
dann müssen wir uns zunächst wohl einmal fragen, was das heißen
soll, dass Wahrheit von Nietzsche so vorgestellt wird, als ob sie
ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien und Anthropomorphismen
sei. Fragen wir uns also zunächst, was im herkömmlichen Sinne
unter einer Metapher und Metonymie verstanden wird.
Der Duden bezeichnet diese beiden Tropen der Sprache wie folgt:
Metonymie ist die Ersetzung eines Wortes durch einen verwandten
Begriff: z. B. "Dolch" durch "Stahl". In Hinblick auf das Kommende möchte
ich ein anderes Beispiel einer Metonymie anführen. Ein Beispiel,
das nicht aufgehört hat, Nietzsche zu verfolgen: Die Ersetzung von
Ursache durch Wirkung und umgekehrt.
Eine Metapher hingegen ist ein Wort, indem ein Merkmal in einem
übertragenen Sinne gebraucht wird. z. B. das Haupt der Familie. Der
hierarchische Vorrang des Kopfes bei bestimmten Lebewesen wird auf gesellschaftliche
Verhältnisse übertragen und damit ins Meta-physische übersetzt.
Was diese beiden Tropen der Sprache gemeinsam haben, ist folglich die
bildhafte Übersetzung und Ersetzung eines anscheinend "ursprünglichen"
Sinns in einen von diesem "abgeleiteten", poetisch-literarischen
Sinn.
Nachdem wir uns kurz die sprachwissenschaftliche
Auslegung dieser beiden Wörter angeschaut haben und damit unser Verständnis
von Metapher und Metonymie nach dem Duden ausgerichtet haben, lassen wir
uns nun von Nietzsche selbst eine frühe Deutung dieser beiden Signifikanten
geben. "...Ein Nervenreiz zuerst übertragen in ein Bild! erste Metapher.
Das Bild wieder nachgeformt in einem Laut! Zweite Metapher. Und jedesmal
vollständiges Ueberspringen der Sphäre, mitten hinein in eine
ganz andere und neue... Wir glauben etwas von den Dingen selbst zu wissen,
...und besitzen doch nichts als Metaphern der Dinge, die den ursprünglichen
Wesenheiten ganz und gar nicht entsprechen."(4)
Unzweifelbar denkt Nietzsche an dieser Stelle das
Wort Metapher von seiner etymologischen Bedeutung her als meta-pherein,
als Über-tragung und Über-setzung von etwas in eine ihm fremde,
heterogene Di-mension hinein. Auf die Frage, was Worte sind, kann Nietzsche
daher einige Zeilen davor sagen: "...Die Abbildung eines Nervenreizes
in Lauten". Worte sind Über-tragungen, metaphorische Abbildungen
neurophysiologischer Impulse in eine ganz andere und neue Sphäre;
metaphorische Über-setzungen von Sinnlichkeit in Rede,
Sprache und schließlich, sehr spät, in Vernunft: Die "Augen",
ständig kommunizieren sie mit der Fremdsprache "Ohren", die Sinne
wiederum unterhalten sich andauernd mit unseren Affekten, die Affekte
ihrerseits wiederum mit unseren bildhaften Vorstellungen, mit unseren
Konzepten und Begriffen, und dieses "kommunikative Handeln"
der Physiologie diesseits unserer Parlamente setzt sich für Nietzsche
eben ad und in infinitum fort... und "...jedesmal ein vollständiges
Überspringen der Sphäre, mitten hinein in eine ganz andere und
neue!"
Was für Nietzsche entscheidend zu sein scheint, ist die Einsicht,
dass jede einzelne Sphäre ein eigenes Sprachuniversum besitzt und
über eigene historisch gewachsene Gesetze verfügt, die sich
mit-der-Zeit in ihr Feld eingeschrieben haben und in der Folge von nun
an den "immanenten", sprich er-innerten Inhalt dieser Sphäre
konstituieren. Aber, und darin beruht für Nietzsche vielleicht eben
die Tragödie des Lebens, diese inhaltliche Immanenz eines Feldes,
sie ruht eben nicht nur analytisch in-sich-selbst, sondern sie
ist in ihrem An-sich-sein immer schon dem synthetischen Andrang
fremdartiger Sphären aus-gesetzt, die die Immanenz jeder Sphäre
in ihrer vorläufigen Konsistenz gefährden und am Ende von diesem
Außen her wieder und wieder aufbrechen, fragmentieren und dionysisch
zerstückeln werden. Der Tod scheint demnach ein Urgesetz alles Lebendigen
zu sein. Ich wiederhole: Nervenreize werden in Bilder über-tragen!
erste Metapher. Das Bild wird einem Laut nachgeformt! Zweite Metapher.
Und jedesmal ein vollständiges Ueberspringen der Sphäre, mitten
hinein in eine ganz andere und neue...Wir glauben, etwas von den Dingen
selbst zu wissen und besitzen doch nichts als Metaphern der Dinge.
Vergleichen wir das metaphorische Wahrheitskonzept,
das uns Nietzsche hier vorstellt mit traditionellen Wahrheitskonzepten,
dann fällt auf, dass diese den Sitz der Wahrheit in den Nous, in
die Ratio, in die Vernunft und schließlich ins Bewusstsein verlagert
haben. Wahr sind dieser metaphysischen Wahrheitsauffassung gemäß
jene Urteile, in denen Seiendes in seinem "Sein" vom Nous ent-deckt
und angemessen reflektiert wird (Dialektik des An-und-Für-sich-sein).
Wie wir aber soeben gehört haben, sind für Nietzsche Nous, Ratio,
Vernunft und Bewusstsein selbst schon aus anderen, ursprünglicheren,
sinnlicheren Sphären abgeleitete Sphären. Ihr metaphysischer
Vorrang vor allen anderen Sphären beruht für ihn alleine darin,
dass das in der Vernunftsphäre sich einrichtende Sprachspiel mit-der-Zeit,
das heißt, im Laufe der Entwicklungsgeschichte der abendländischen
Metaphysik, seine eigene Herkunft aus der Sinnlichkeit verleugnet und
schließlich vergessen hat. Gerade diese Frucht und Furcht eines
grund-legenden Vergessens und Verdrängens, diese ausgehöhlte
Münze wird aber in der westlichen Welt auch heute noch als "Wahrheit"
gehandelt und als "wa(h)re Welt" bezeichnet und ausgegeben.
"...Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie
welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind,
Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehr
als Münzen in Betracht kommen..."(5)
Die Abendländische Geschichte der Metaphysik, das ist für Nietzsche
demnach nicht die Geschichte, in der sich das "Wahre" ereignet,
sondern in der sich ein Vergessen und Verdrängen verfestigt: die
Verleugnung der sinnlichen Herkunft der Vernunft. Dieses Vergessen gipfelt
schluss-endlich auf idealistische Art und Weise in der Schädelstätte
der sich als absolut begreifenden und setzenden Vernunft. Durch die Übersetzung
der Welt in den Deutschen Idealismus wird dieses Vergessen für Nietzsche
endgültig besiegelt und in der Folge in den "Gipfeltreffen"
der westlichen Welt umgesetzt. Die Sphäre der Vernunft wird jetzt
so vorgestellt, als ob sie gerade nicht der Sinnlichkeit
entsprungen wäre und eine von der Sinnlichkeit abgeleitete
Metapher derselben darstellen würde, sondern so, als ob die
Vernunft selbst die Ur-Sache allen Seins wäre.
Je mehr die Metaerzählung der Abendländischen Vernunft also
ihre eigene genealogische Ableitung aus der Sinnlichkeit vergisst, umso
mehr beginnt sie sich selbst als Ur-Sache allen Seins zu verstehen, auszulegen,
zu interpretieren und schließlich zu setzen. Der Nous, die Ratio,
die Vernunft, das transzendentale Bewusstsein, diese ursprünglich
aus der Sinnlichkeit entsprungene Epi-Sinnesorgane bestimmter Tierseelen,
diese nebensächlichste Nebensache der Welt wird nun nachträglich
zur causa prima, zur causa sui, zur causa efficiens, zur causa formalis
und, - man höre und staune, schlussendlich sogar zur causa materialis
allen Da-seins umgedichtet. Was für ein historisches Naturschauspiel,
das sich hier vor den VideoAugen Nietzsches abzuspielen beginnt!... Und
wie sollte er, als Philosoph und Sprachwissenschafter, der er nun
einmal war, ein solches Schauspiel angemessen bezeichnen und benennen?
Welches Wort bietet ihm die Sprache an für ein solches Schauspiel
und Spektakel, das ihm spekulativ-visionär vorstellig wird im
und durch seinen philosophierenden Lebensvollzug?
Ich habe meine Antwort auf diese Fragen
schon eingangs gegeben. Nietzsches Wort für dieses Schauspiel lautet
vermutlich Metonymie. Eine Übertragung und Ersetzung
eines Wortes durch einen verwandten Begriff. In diesem Fall die verfängliche
Vertauschung, Übertragung und Ersetzung der beiden Begriffe Ursache
und Wirkung, die ein entsetzliches Durch-ein-ander im Menschen erzeugen,
durch das sich das animal rationale selbst entgegengesetzt wird und von
nun an als existierendes Fragezeichen durch die Zeiträume wandert.
Was uranfänglich bloß ein Nebeneffekt der Sinnlichkeit war,
die Entstehung einer Vernunftseele in bestimmten Tieren, das wird nun
wir befinden uns nun also mitten im konstruktiven Durcheinander
des Projekts Moderne , das wird nun also zu einer Ursache umgedichtet
und zum Urgrund allen Seins gemacht, aus dem die ursprüngliche Ursache,
die Sinnlichkeit, nun als Effekt der Absolution der absoluten Vernunftgeschichte
folgt.
Von dieser Ersetzung und Umkehrung des ursprünglichen Kausalverhältnisses
von Sinnlichkeit und Vernunft her gesehen kann Nietzsche daher nun selbst
den entscheidenden Charakter der bisherigen Menscheitsgeschichte als eine
Geschichte der Metonymie lesen; als die denkwürdigste und ehrwürdigste
Umwertung aller Werte, die sich bisher auf unserer Erde abgespielt hat.
"... Fügen wir sofort hinzu, dass andererseits mit der Tatsache einer
gegen sich selbst gekehrten, gegen sich selbst Partei nehmenden Tierseele
auf Erden etwas so Neues, Tiefes, Unerhörtes, Rätselhaftes,
Widerspruchsvolles und Zukunftsvolles gegeben war, dass der Aspekt
der Erde sich damit wesentlich veränderte."(6)
Am Ende eines langen Übersetzungs-, Übertraguns- und Überwältigungsprozesses,
ich nannte dieses Ende vorhin das Zeitalter der Moderne, im produktiven
Durch-ein-ander dieser Zeit wird die Welt vom Menschen schluss-endlich
so vorgestellt, als ob die Vernunft die "wahre, ursächliche
Welt" von allem wäre und die Sinnlichkeit nur mehr als
Folge, Erscheinung derselben zu gelten hätte.
Mit der Geschichte dieser Metonymie scheint sich für Nietzsche demnach
ein erstes großes Versprechen der Menschheit einzulösen:
Der abendländische Humanismus. Die Sphäre der Vernunft hat sich
jetzt in einer über tausende Jahre hin-dauernden Geschichte das Tier
im Menschen unterworfen und gefügig gemacht, um sich schluss-endlich
selbst zum Herrn und zur emanzipierten Frau dieses umorganisierten und
umgewerteten Lebewesens zu machen. Vom Ende dieser metaphysischen Menschheitsgeschichte
aus betrachtet scheint das Vernunftorgan nun die Wahrheit des
Ganzen zu sein und das Ganze die sich zum Ende hin vollendende Geschichte
der absoluten Vernunft.
Schließen wir den ersten Abschnitt
mit einer Zusammenfassung ab:
- Die Menschheitsgeschichte ist für Nietzsche jene
Geschichte, in der eine Verkehrung des Ursache-Wirkungsverhältnisses
in Bezug auf das Verhältnis von Sinnlichkeit und Vernunft statt-findet.
Eine Umkehrung eines Kausalverhältnisses aber ist für Nietzsche
ein metonymischer Prozess. Die "wahre Welt" ist Vollzug und
Effekt einer Metonymie.
- Die Menschheitsgeschichte ist jene Geschichte, in
der das Sinnliche in das Reich der Vernunft über-setzt wird, und
zwar so, dass sich die dabei konstituierende Vernunftsphäre ihrer
sinnlichen Basis ent-gegen-setzt und diese metaphysisch zu unterwerfen
beginnt. Nach einem jahrtausende langen Kampf zwischen der Sphäre
der Vernunft und der von ihr unterworfenen Tierseele scheint es fast
so, als ob sich die Metapher der Vernunft schlussendlich gegen
ihre eigene Herkunft aus dem Tierreich durchzusetzen vermöchte
und am Ende den Sieg über die Sinnlichkeit davontragen würde.
Die "wahre Welt" ist demnach Vollzug und Effekt einer Metapher,
namentlich der Vernunftmetapher.
- Das grausame Schlachtfeld dieses metonymisch-metaphorischen
Kampfes ist die sukzessive Entfaltung der Menschheitsgeschichte. Anthropomorphismus.
Ich wiederhole noch einmal Nietzsches frühe
Antwort auf die Frage: Was ist Wahrheit? "... Was ist also Wahrheit? Ein
bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen kurz eine
Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert,
übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauche
einem Volke fest, canonisch und verbindlich dünken..."(7)
zur
Fortsetzung des Vortrags
Anmerkungen
(1) Der Umweg, so lautet der Titel eines Texts von Lacoue-Labarthe,
der in dem kostbaren Sammelband "Nietzsche aus Frankreich" in
Deutsch erschienen ist. Hg. von Werner Hamacher, Nietzsche aus Frankreich,
Frankfurt/M-Berlin 1986, p. 75-111. Ausführliche Auslegungen dieser
"Detour" finden wir u.a. bei Paul de Man "Allegories of
Reading", Yale University 1979 und Wayne Klein "Nietzsche and
the Promise of Philosophy", State University of New York 1997.
(2) Friedrich NIETZSCHE, Über Wahrheit und Lüge
im außermoralischen Sinne, Bd.1.880f. Kritische Studien-ausgabe
in 15 Bänden, hg. von Giorgio COLLI und Massino MONTINARI, München-Berlin-News
York 1967-1977.
(3) Zum Verhältnis von Wahrheit und Dummheit siehe
Avital Ronell, "Stupidity", University Press of Nebraska 2001.
(4) Friedrich NIETZSCHE, Über Wahrheit und Lüge
im außermoralischen Sinne, Bd.1.879.
(5) Friedrich NIETZSCHE, Über Wahrheit und Lüge
im außermoralischen Sinne, Bd.1.880f.
(6) Friedrich NIETZSCHE, Genealogie der Moral, Bd.5.323,
II.Nr. 16.
(7) Friedrich NIETZSCHE, Über Wahrheit und Lüge
im außermoralischen Sinne, Bd.1.880.
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